Über nichts haben wir während unserer ganzen Reise durch Südamerika mehr diskutiert, als über den Torres del Paine – Chiles berühmtesten Nationalpark. Sollen wir uns einen Abstecher zu den beeindruckenden Bergzinnen gönnen oder nicht? Von El Calafate wäre es leicht nochmal auf die chilenische Seite zu wechseln und für ein paar Tage durch den Park zu wandern, doch wir entscheiden uns dagegen. Hätten wir einen Besuch dort mit einer mehrtägigen Wanderung ernsthaft machen wollen, hätten wir schon vor Monaten Unterkünfte im Park buchen und uns auf einen Termin festlegen müssen. Doch das wollten wir nicht. Die Preise für den Park sind irre hoch und die Refugios heillos überlaufen. Wir haben genug schöne Nationalparks gesehen, sodass wir unser nächstes Ziel ins Auge fassen: Das Ende der Welt.

Ushuaia gilt als offiziell südlichste Stadt der Welt und rühmt sich mit dem Titel „el fin del mundo“ – das Ende der Welt. Dieses befindet sich auf Feurland, einer Inselgruppe, die vom Festland durch einen Kanal, die sogenannte Magellanstraße getrennt ist. Man kann sowohl mit dem Flugzeug, als auch mit dem Bus anreisen und da wir ein bisschen aufs Geld schauen müssen, nehmen wir natürlich wieder einmal den Bus. Und es ist auch definitiv ein Abenteuer.
Die Busse nach Ushuaia starten täglich um drei Uhr in der Nacht. Martin, unser Gastgeber im Hostel in El Calafate, lässt uns den Abend über im Aufenthaltsraum verbringen, obwohl wir schon am Morgen offiziell ausgecheckt hatten. So sitzen wir also die Zeit tot, zählen die Stunden bis drei Uhr und kämpfen gegen die Müdigkeit. Das Taxi kommt schon um zwei Uhr, um uns zum Terminal zu bringen und eine Stunde später geht es endlich los. Wir fahren den Rest der Nacht einmal quer durch die schmale Spitze von Argentinien an die Ostküste nach Rio Gallegos. Dort haben wir zwei Stunden Zeit für Frühstück, bevor es in einem anderen Bus weiter in Richtung Ushuaia geht. Als wir in den Folgebus steigen merkt man gleich, dass für diese Strecke eher die Busse eingesetzt werden, die ihre beste Zeit bereits hinter sich haben. Die Polster sind teilweise verschlissen, Rückenlehnen lassen sich nicht verstellen, Lüftungsdüsen sind herausgerissen und überall klappert irgendein Plastikteil.
Wir rumpeln los gen Süden und halten schonmal die Reisepässe bereit, denn: Um nach Ushuaia zu kommen, muss man zuerst von Argentinien nach Chile einreisen, dort mit der Fähre die Magellanstraße passieren und anschließend auf Feuerland wieder nach Argentinien einreisen. Und das Ganze auf dem Rückweg wieder. Mit jeweils einem Ausreise- und Einreisestempel bei jedem Grenzübertritt werden so die Seiten im Reisepass recht schnell voll.
Etwas verschlafen steigen wir also am Grenzposten von Argentinien aus und werden erstmal vom Wind geohrfeigt. Wir sind mal wieder irgendwo im Nirgendwo. Um uns herum ist nur Steppe und sonst nichts, außer der allgegenwärtige Wind, der ohne jedes Hindernis ungebremst über die Landschaft fegt. Am Grenzposten von Chile lassen wir mal wieder das übliche Einreiseprozedere über uns ergehen. Die kleinen weißen Migrationszettel füllen wir mittlerweile fast blind aus. Nun kommt noch hinzu, dass wir jedes Mal Waren deklarieren müssen, da wir uns bereits ein kleines Nahrungsmittelsortiment (Salz, Pfeffer, Olivenöl, etc.) zum Kochen angeeignet haben. Das macht es nicht einfacher. Mal etwas ganz Neues erwartet uns kurz bevor wir wieder in den Bus steigen wollen: Wir müssen mit unserem Handgepäck alle in einen geschlossenen Raum. Danach läuft ein Spürhund vom Zoll durch die Reihe und beschnuppert gründlich jedes Gepäckstück. Mit Spannung warten wir auf seine Reaktion bei meinem knapp neun Jahre alten Rucksack, der schon des Öfteren bei der Gepäckkontrolle am Frankfurter Flughafen einen Sprengstofftest über sich ergehen lassen musste. Aber wir haben Glück und fallen nicht auf. Vielleicht hat der Hund auch einfach nur Essen gesucht.
Auf der chilenischen Seite sitzen wir noch einige Stunden im Bus, bis wir endlich die Magellanstraße erreichen. Dort angekommen, tuckert die Fähre „Pionero“ kurz vor unserer Nase weg und wir müssen warten, bis sie zum anderen Ufer und wieder zurückgefahren ist. Zeit genug um sich bewusst zu werden, wo man sich gerade befindet.
Wahrscheinlich haben wir schonmal erwähnt, dass es hier unten außer Steppe nicht viel gibt. Und dass der Wind so heftig bläst, dass der Bus selbst im Stand ordentlich zu wanken beginnt. Aber es ist einfach unfassbar schön. Die karge Landschaft, das raue Klima und das wenige Leben hier geben einem unweigerlich zu verstehen, dass man sich einem kritischen Punkt auf der Landkarte nähert. Irgendwann gehts nicht mehr weiter, dann kommt nur noch Ozean – und die Antarktis. Irgendwie verrückt.
Nach einer Stunde kommt die „Pionero“ zurück, verschluckt unseren Reisebus nebst einiger anderer Fahrzeuge und begibt sich erneut auf die Überfahrt nach Feuerland. Durch den starken Wind und entsprechende Wellen haben wir ordentlichen Seegang, doch zum Glück ist die Fahrt nach einer halben Stunde schon vorbei.
Im Bus setzen wir dann die Fahrt fort, vorbei an Schafen, Kühen und Guanakos. Es geht wieder über die Grenze nach Argentinien zurück und nochmal den halben Tag über mehr oder weniger gute Straßen bis nach Ushuaia. Nach 20 Stunden steigen wir gegen 23 Uhr am Ziel unserer Reise aus. Wir sind da!

Totmüde erreichen wir das Hostel und klettern in die Stockbetten unseres Schlafsaals. Am nächsten Tag wechseln wir das Hostel, da wir keine weitere Nacht bleiben können und ziehen auf einen Berg etwas außerhalb vom Stadtzentrum in ein Dreibett-Zimmer, dass aber nur zwei Betten enthält. Das soll uns nur recht sein.
Ushuaia bietet erstaunlich viel für Touristen. Von kleinen Touren im Nationalpark Tierra del Fuego über Helikopterrundflüge bis hin zur Antarktis-Kreuzfahrt für zwölf Tage. Über die Preise brauchen wir hier gar nicht zu reden. Durch seine exponierte Lage und schwere Zugänglichkeit gilt Ushuaia als eine der teuersten Städte in Südamerika und das spürt man überall. Egal ob bei Unterkünften, beim Essen oder bei Ausflügen.
Wir fahren mit dem Bus hinaus zum Nationalpark Tierra del Fuego und erkundigen die Gegend auf eigene Faust. Es regnet zum Glück nicht, doch der Wind weht uns ordentlich um die Ohren, wenn wir den Schutz der skurril geformten Bäume verlassen. Über schlammige Pfade wandern wir durch die Wälder an der Küste des Beagle-Kanals, bis der Weg wieder auf eine Straße, die Routa 3, führt. Wir folgen der Straße, bis diese an einem Wendeplatz endet. Ab hier gehts mit dem Auto nicht mehr weiter. Wir sind am Ende vom Ende angelangt. Damit haben wir ein Ziel unserer Reise durch Patagonien erreicht und es ist ein wahnsinnig tolles Gefühl hier unten zu stehen. Noch einmal tief die klare Luft einatmen, noch einmal den Wind spüren und dann fahren wir mit einem kleinen Sprinter in die Stadt zurück.

An unserem letzten Abend im Süden Patagoniens lassen wir es uns nochmal gut gehen, essen eine Platte mit Meeresfrüchen und lassen den Abend in einem Irish Pub ausklingen. Die Nacht wird wieder kurz, denn unser Bus fährt um fünf Uhr in der Früh an der Uferpromenade ab. Wir haben viel vor uns. Es geht wieder über staubige Pisten quer durch die Einöde nach Chile, mit der Fähre über die Magellanstraße und zurück nach Argentinien. Auf der Routa 3 weiter zurück nach Rio Gallegos und von da aus noch weiter in den Norden bis nach Puerto Madryn. Wenn alles gut geht, schaffen wir es in 36 Stunden.

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