Bariloche

Um uns herum liegt wieder einmal jede Menge Schnee, als sich unser Bus durch die Anden von Chile nach Argentinien kämpft. Die Fahrt ist bis zur Grenze relativ entspannt, aber ab dann beginnt ein ewig langes Prozedere. Vor der Grenze müssen alle Reisenden aussteigen, um sich den Ausreisestempel zu holen, danach gehts im Bus rüber nach Argentinien, um dort wieder für die Einreise auszusteigen. Nebenbei wird der Bus komplett durchleuchtet, Gepäckstücke werden aus dem Frachtraum zufällig entnommen und durchsucht. Unser Handgepäck muss wie am Flughafen durch einen Scanner. Bis jeder Reisegast durch die Kontrollen durch ist, verbringen wir eine gute Stunde wartend am Grenzposten.
Als wir das Busterminal von Bariloche erreichen, erwartet uns ein neues Problem: Wir können nirgendwo Geld wechseln. Das Terminal liegt weit außerhalb des Ortskerns und auch weit weg von unserem Hostel, also fragen wir den Taxifahrer, ob er auch chilenische Peso nimmt. Er stimmt zu. Unser Fahrer ist gefühlte hundert Jahre alt, kann die Adresse von Caros Smartphone nicht ablesen und weiß auch nicht, wo sich unser Hostel befindet (ein Kollege erklärt es ihm). Im Schneckentempo tuckern wir in die Innenstadt, natürlich verfahren wir uns, während das Taxometer munter weiter zählt. Das Taxi wendet mitten auf einer Kreuzung, wir fahren entgegen der Fahrtrichtung durch mehrere Einbahnstraßen und landen am Ende doch wie durch ein Wunder vor unserer Unterkunft. Beim Bezahlen stelle ich fest, dass ich kein passendes Geld in Peso habe und zahle mit US-Dollar. Auf Diskussionen auf Spanisch haben wir keine Lust. Bezahlen und aussteigen – Hauptsache wir sind da. War eine teure Fahrt…
Die argentinische Stadt Bariloche, die sich Steil an den Uferhängen des Nahuel Huapi-Sees hinaufzieht, erscheint auf den ersten Blick nicht sehr außergewöhnlich und wir sind uns anfangs nicht sicher, ob wir hier länger bleiben wollen. Mit der Zeit gefällt es uns aber immer besser und so bleiben wir zwei weitere Nächte, was auch an Ruben, dem Besitzer unseres kleinen Hostels oberhalb der Stadt, liegt.
Ruben ist eine verdammt coole Socke, kommt ursprünglich aus Kalifornien und zapft direkt am Tresen seiner Rezeption gutes Craftbier. Wir bekommen gleich am ersten Abend ein Glas sowie eine selbst gebackene Brezel umsonst und erhalten von ihm jede Menge Tipps für Aktivitäten rund um Bariloche.
Das Hostel hat an vielen Ecken kleine Baustellen. Ruben bereitet das Haus gerade auf die Hauptsaison vor und erledigt so ziemlich alle Arbeiten selbst. Eines Abends sitzen wir im Speisezimmer, als er mit der Tür aus Zimmer Nummer 3 hereinkommt und sie auf den Esstisch legt. Die Gäste haben sich beschwert, dass die Tür am Boden schleift und nur schwer schließt also sägen wir gemeinsam den unteren Rand der Türe ab. Im Speisezimmer. Gegen Mitternacht. Mit der Handkreissäge. Parallel zu den Handwerksarbeiten steht er in der Küche, kocht die Marmelade für das Frühstück ein und backt auch die kleinen Toasties selbst, die morgens im Speisezimmer bereitliegen. Uns gefällt es hier.

Das Schöne an Bariloche ist, dass die Stadt komplett von einem Nationalpark umgeben ist, welcher an verschiedenen Stellen mit dem öffentlichen Bus erreicht werden kann. Wir steigen in die Linie 20 ein und fahren hinaus in den Nahuel Huapi-Park, um bei angenehmen Frühlingstemperaturen die Gegend zu erkunden. Das Bergpanorama, welches sich um die blauen Seen erstreckt, ist so faszinierend, dass wir es auf den Fotos gar nicht richtig festhalten können. Die Äste der Nadelbäume, die sich an die schroffen Felsen klammern, wachsen durch den stetigen Wind nur in eine Richtung. Auch wenn wir uns erst an Rande Patagoniens befinden, bekommen wir so langsam einen Eindruck davon, was uns noch tiefer im Süden erwartet.

Die Innenstadt von Bariloche ist die reinste Genussmeile. Cafes mit riesigen Eisportionen wechseln sich mit Schokoladengeschäften ab, in denen wir locker unser gesamtes Monatsbudget versenken könnten. Durch das große Angebot von Outdoor-Aktivitäten säumen auch jede Menge Geschäfte für Ausrüstung und Bekleidung die Straßen. Vor einem Salomon-Store fällt mir ein Plakat ins Auge: „RU.C.O. – RUnning Con Obstaculos“. Ein urbaner Hindernislauf durch das Zentrum von Bariloche, der am Tag unserer Abreise stattfindet. Wir gehen in das Geschäft, in dem man sich auch direkt für den Lauf anmelden kann, und informieren uns über das Event. Das Wenige, was ich verstehen kann, überzeugt mich und so wandert das Anmeldeformular über die Ladentheke. Die Beine sind zwar von den Wanderungen ziemlich schwer und schreien nach Erholung doch für die kleine Fünf-Kilometer-Runde ist bestimmt noch etwas Energie da.

Am Sonntagmorgen stehen einige hundert leuchtend gelbe T-Shirts am Startbereich auf dem Hauptplatz der Stadt und warten auf den Startschuss – ich mittendrin. Der Lauf ist nicht mit ultraspektakulären Hindernissen bestückt, aber man merkt, dass die Strecke mit viel Engagement geplant wurde. So geht es unter anderem durch eine Einkaufspassage, eine mehrstöckige Großraumdisko (natürlich im Betrieb), durch mehrere Stadtbusse hindurch und – mein persönliches Highlight – für eine Runde auf die Eisbahn. War ein riesen Spaß!
Im Ziel angekommen bleibt leider nicht viel Zeit zur Erholung. Schnell zurück zum Hostel, Klamotten wechseln und dann ab zum Busbahnhof, wo schon der Reisebus nach El Bolsón wartet.
Später am Abend lese ich in den Ergebnislisten, dass es sogar für einen fünften Platz in meiner Altersklasse 20-29 Jahre gereicht hat. Wäre ich zwei Monate älter, wäre in der Klasse 30-39 ein dritter Platz auf dem Siegertreppchen drin gewesen. Ist etwas ärgerlich, aber so muss ich mir zumindest nicht den Kopf zerbrechen, wie ich die nächsten Monate einen Pokal mit mir herumtrage. 😉

El Bolsón

Nur etwas mehr als zwei Stunden Busfahrt liegt das kleine Städtchen El Bolsón von Bariloche entfernt. In unserem Reiseführer wird dieser Ort als „Öko-Kommune“ bezeichnet, welcher von einer liberalen Künstlergemeinde bewohnt wird. Als wir unser Hostel erreichen, können wir diese Aussage zu 100% bestätigen!
Auf einem großen Areal befindet sich am Eingang das „Earthship“, sozusagen das Hauptgebäude. Das Haus wurde nach gewissen ökologischen Prinzipien konzipiert und von den Besitzern selbst erbaut. Es besteht neben dem Holzdach und den Glasfenstern hauptsächlich aus Autoreifen, mehreren tausend Dosen, Glasflaschen und anderem Müll, welcher als stabiler Kern in die Lehmwände eingearbeitet wurde. Darüber hinaus besitzt es eine Regen- und Abwasseraufbereitungsanlage, Solarkollektoren mit Energiespeicher und wird komplett passiv beheizt. Das Innere ist nicht nur Wohnraum sondern auch gleichzeitig Gewächshaus.
Im Garten gibt es noch drei Jurten, wovon eine komplett von uns alleine bewohnt wird. Ein weiteres Haus dient als Küche, in der das vegetarische Abendessen zubereitet wird. Die meisten Zutaten kommen aus den vielen Beeten und Gewächshäusern, die auf dem Rest des Areals verteilt sind. Dazwischen streunen diverse Katzen und Hühner durch den großen sonnigen Garten, dessen entspannte Atmosphäre uns sofort packt. Die Tage in Bariloche haben uns müde gemacht und wir haben keine Lust auf weitere Wanderungen. Daher verbringen wir die Zeit komplett im Garten unseres „Earthships“ und machen einfach mal gar nichts.
Eine Jurte dient als Aufenthaltsraum, in der wir mit allen Gästen gemeinsam zu Abend essen. Man kommt mit vielen Reisenden ins Gespräch und erhält wertvolle Infos, zum Beispiel, dass die Route 40, auf der wir weiter in den Süden reisen wollen, momentan oft wegen starker Niederschläge gesperrt ist. Wir machen uns am Tag darauf sofort auf dem Weg ins Bus-Office um uns nach der aktuellen Lage zu erkundigen. Das Mädchen hinter dem Tresen schenkt uns einen kritischen Blick und wählt eine Nummer am Telefon. Sie wechselt ein paar Worte mit der Person am anderen Ende der Leitung und streckt nach einiger Zeit lächelnd den Daumen nach oben. Die Straße ist frei. Sofort buchen wir für den nächsten Tag zwei Tickets zur Weiterreise, denn in unserem Hostel ist danach kein Schlafplatz mehr für uns verfügbar. Schade eigentlich, denn wir hätten es auch noch ein paar Tage in El Bolsón aushalten können.
Wir packen unsere Sachen, verlassen die geräumige Jurte unseres Earthship-Hostels und begeben uns auf die lange Odysee mit dem Bus nach El Chaltén. Geplante Reisedauer: 23 Stunden.

5 Replies to “Auf der anderen Seite der Anden”

  1. Hallo Caroline. Wie ich sehe habt ihr eine gute Zeit soweit weg von Zuhause. Wünsche euch das es auch so weiter läuft.
    Mit freundlichen Grüßen
    Deine Nachbarin Herta

    1. Liebe Herta,
      Vielen Dank für die lieben Wünsche! Wir freuen uns sehr, dass du auf unserem Blog unsere Reise mitverfolgst!
      Liebe Grüße,
      Carolin und Michi

  2. Hallo Michi, hallo Caro,
    Eva hat mir EurenBlog geschickt und jetzt kann ich auch ein bißchen mit Euch reisen. Muß jetzt erst mal tüchtig staunen, was Ihr schon alles erlebt habt und die wunderschönen Bilder….!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Paßt gut auf Euch auf und viel Spaß noch!
    Liebe Grüße, Bernadette

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