Wir sind auf der Flucht. Auf der Flucht vor dem schlechten Wetter. In und um unseren Camper lebt es sich gut, solange kein Wasser vom Himmel fällt, doch wenn es regnet, wird Kochen, Spülen oder das Umbauen unseres Bettes zur Herausforderung. Wir düsen in großen Schritten nach Nordosten, zurück an die Küste und weiter in Richtung Staatsgrenze zu Queensland in der Hoffnung, den Regen hinter uns zu lassen.

Auf dem Weg machen wir noch in Nimbin halt, ein Ort mit ziemlich interessanter Vergangenheit. Nimbin war ein gewöhnliches kleines Dorf, bis dort im Jahre 1973 das Aquarius Festival viele australische Hippies angezogen hat. Als das Festival vorbei war, beschlossen einige Besucher einfach hier zu bleiben, um ihre Ideale weiter auszuleben. Seitdem ist Nimbin DER Hippie-Ort in Australien, der noch immer das psychodelische Flair der 70er-Bewegung versprüht. Auch wenn es heute vor allem viele Touristen hierher zieht, so sieht man doch einigen Leuten an, dass sie hier wohl tatsächlich seit vierzig Jahren ihr alternatives Leben führen. Außer Krimskram und Marihuanarauch bietet das Dörfchen allerdings nicht viel und so fahren wir nach einer superleckeren Pizza im Dorfrestaurant weiter. 

Der kürzeste Weg an die Küste führt von Nimbin nicht über einen Highway sondern über verschlungene Landstraßen durch die Hügellandschaft des Hinterlandes. Noch immer prasseln dicke Regentropfen gegen die Windschutzscheibe. Bei einer langgezogenen Linkskurve werden wir von einer tiefen Pfütze überrascht. Das Wasser spritzt entlang der linken Fahrzeugseite bis weit über das Dach und Caro schenkt mit einen kritischen Blick. „Na toll, irgendwas schleift jetzt am Fahrzeug!“, beschwert sich meine Beifahrerin. Da ist doch gar nichts. Oder etwa doch? Wir halten am Straßenrand.

Hinten am Radkasten haben wir unten am Fahrzeugboden tatsächlich ein Stück der Plastikverkleidung verloren und das Innere des Radkastens schleift nun am Reifen. Wir laufen zurück an die Kurve und suchen das verlorene Teil, doch es ist nicht auffindbar. Wahrscheinlich liegt es irgendwo in der braunen Pfütze, die vermutlich etwa zwanzig Zentimeter tief ist. Das lose Plastikstück im Radkasten wird mit etwas Kabelbinder an seinem Platz fixiert und weiter gehts. Schon ärgerlich! Jetzt sind wir seit so vielen Wochen ohne Probleme unterwegs und nun sowas!

Die Küste erreichen wir an dem schönen Örtchen Byron Bay. Entgegen unserer Erwartungen, hier in der Tourismushölle zu landen, ist Byron Bay ein echt schnuckeliges Städtchen, dass den Surfer-Spirit so stark versprüht, dass man ihn quasi riechen kann. Etwas schöner wäre die Atmosphäre noch, wenn nicht tiefe Regenwolken am Himmel hängen würden, doch leider werden wir auch hier an der Küste nicht vom schlechten Wetter verschont. Unter einem australischen Sommer, haben wir uns etwas anderes vorgestellt…

Wir suchen uns einen Campingplatz nahe Byron Bay und hoffen auf besseres Wetter am nächsten Tag. In Alstonville finden wir einen bezahlbaren Platz für unseren Camper auf einem ehemaligen Veranstaltungsgelände. Da es noch immer regnet, aber nicht stürmt, stellen wir uns unter zwei große Bäume, um wenigstens halbwegs trocken unser Essen zubereiten zu können. Bei so einem Wetter macht es nicht viel Spaß, den Abend im Campingstuhl gemütlich ausklingen zu lassen, also geht es früh ins Bett. Schon nach kurzer Zeit reißt uns ein lauter Schlag aus dem Schlaf, der das ganze Auto zum wackeln bringt. Wir sind aber zu müde, um der Ursache auf den Grund zu gehen. Zudem ist es stockfinster draußen und es regnet immernoch wie aus Eimern.

Am nächsten Morgen wird uns sofort klar, was den lauten Knall verursacht hat. Ein morsches Stück von dem Baum, unter dem wir geparkt haben, ist in der Nacht aus ca. sieben Meter auf unser Auto gefallen. Der Ast hat die A-Säule getoffen und ist daran zerbrochen. Ein Stück ist dann auf die Windschutzscheibe geschlagen, was zu zwei dreißig Zentimeter langen Rissen im Glas geführt hat. Wird ja immer besser. Gleich zwei Schäden am Fahrzeug in nicht einmal vierundzwanzig Stunden, dazu weiterhin Regenwetter am nächsten Tag. Unsere Reise hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Wir sind beide nicht sehr gut gelaunt, haben irgendwie genug von allem, genug vom Reisen, von Australien und dem schlechten Wetter. Wir brauchen Pause und zwar dringend!

Doch zuerst müssen wir beim Jucy-Camperverleih unsere Unfälle beichten. Wir erklären unsere Situation und werden von einer Warteschleife in die Nächste geschickt. Nach viel hin und her bekommen wir das Angebot, dass man uns an der nächsten Mietstation in Brisbane ein Austauschfahrzeug zur Verfügung stellt. Angeblich ohne weitere finanzielle Konsequenzen, da wir eine Komplettversicherung abgeschlossen haben. Wir sind erleichtert, auch wenn vorerst ein ungutes Gefühl bleibt.

Es geht weiter Richtung Norden mit Stopp in Murwillumbah, wo uns die nette Dame am Campingplatz sogar einen Unterstand für unseren Camper anbietet. Danach fahren wir die Gold Coast entlang, allerdings ohne dort viel Zeit zu verbringen. Die Gegend mit ihren vielen Hotelbauten taugt uns irgendwie nicht, aber wir halten trotzdem an dem ein oder anderen Badestrand und machen einen Spaziergang, denn die Sonne kämpft sich langsam wieder durch die Wolken hindurch. Unser nächstes Ziel heißt Brisbane, genauer gesagt ist es der Stadtteil Paddington, den wir direkt nach der Gold Coast ansteuern. Als wir vor unserer Unterkunft parken, werden wir bereits freudig von Dexter begrüßt. Ehe wir uns versehen, hat er uns bereits einen feuchten Kuss aufgedrückt. Dexter ist ein deutscher Boxer-Hund, sechs Jahre alt und der heimliche Herr im Haus. Daneben gibt es noch zwei Katzen und natürlich Margot und Mark, die uns netterweise in ihr geräumiges Haus aufnehmen. Wir bekommen von den beiden das komplette Untergeschoss zur Verfügung gestellt, haben ein Schlafzimmer, ein eigenens Bad und einen Aufenthaltsraum mit Fernsehecke und Billardtisch. Nach eineinhalb Monaten im Camper sind wir nun im Paradies! 

Brisbane ist für uns ein wichtiger Boxenstopp auf unserer Reise, den wir dringend benötigen. Nicht nur, dass wir unser Auto tauschen müssen, wir brauchen auch mal ein paar ruhige Tage, um uns von den letzten Wochen zu erholen. Und da kommt uns die Hauptstadt von Queensland gerade recht. Brisbane ist von allen australischen Städten die, die für uns den meisten Place-to-be-Charakter versprüht. In der Innenstradt reihen sich die Wolkenkratzer entlang des Brisbane-Rivers und glänzen mit ihren gläsernen Fasaden um die Wette. Direkt am Fuße der Gebäude bilden diverse Cafés eine Promenade entlag des Flusses, der mit vielen Brücken die beiden Uferseiten verbindet. Die kleine aber feine Fußgängerzone lässt sich selbst zur Stoßzeiten noch angenehm und stressfrei erkunden. Und das ist wohl das Schönste: Brisbane wirkt unglaublich entspannend. Keine Touristenmassen, keine gehetzten Menschen, keine lauten und verstopften Straßen. Der schönste Ort ist aber definitiv Southbanks, dass ehemalige Gelände der Weltausstellung von 1988, welches auf der anderen Seite des Flusses liegt. Mit viel Aufwand hat man hier einen Naherholungsbereich mit mehreren kostenlosen Strandbädern geschaffen und es dauert nicht lange, da sitzen wir schon im kühlen Nass und bestaunen die Skyline auf der anderen Flussseite. Dazu gibt es sämtliche notwendige Infrastruktur, wie Toiletten, Duschen, Schließfächer und Trinkwasser typisch für Australien kostenlos mit dazu. Auf die Idee käme man in Deutschland nicht…

Doch nicht nur Erholung ist in Brisbane angesagt. Wir nutzen die Gelegenheit auch, um etwas gegen den Materialverschleiß unseres Reisegepäcks zu unternehmen. Für mich (Michi) werden neue Wanderschuhe fällig, denn die Alten sind absolut nicht mehr zu gebrauchen. Der Zerfall von meinem Tagesrucksack und meinen Sandalen wird mal wieder mit Sekundenkleber und Klebeband ein wenig ausgebremst. Zudem decken wir uns mit ein paar neuen Klamotten ein, füllen die Reiseapotheke auf und haben mal wieder die Chance, unseren kompletten Wäschebestand zu waschen. Jetzt sind wir fit für die Weiterreise!

Aber da bleibt ja noch die Sache mit dem Camper. Am Donnerstagmorgen räumen wir sämtliches Gepäck aus unserem alten Fahrzeug in Margots Haus. Es ist schon echt erstaunlich, wie viele Dinge man in einem Auto ansammelt, wenn man mehrere Wochen darin lebt. Wir fahren in Richtung Flughafen zur Jucy-Mietstation, die man schon von weitem gut erkennen kann, da das Gebäude die gleiche grün/lila-Farbgebung wie die Fahrzeuge hat. Dort angekommen, werden wir gleich freundlich von einem Mitarbeiter empfangen. Thomas begrüßt uns und weiß sofort bescheid, als wir ihm von unserem angekündigten Fahrzeugtausch erzählen. Er hat viel zu tun, da einige andere Kunden bereits auf die Abholung oder Rückgabe ihres Mietwagens warten, doch das ändert nichts an seiner lockerern unkomplizierten Art. Er zeigt uns auf dem Hof unser neues Fahrzeug – quasi das exakt gleiche Modell wie unser Altes. Sogar mit dem gleichen dämlichen Spruch auf der Fahrzeugseite. Allerdings ist der Zustand etwas besser, es sind weniger Kilometer auf dem Tacho und immerhin tauschen wir unser innen wie außen verdrecktes Auto gegen ein komplett gereinigtes Fahrzeug mit frisch gewaschener Bettwäsche und Handtüchern. Kein schlechter Deal. Wir zeigen Thomas kurz die Schäden am alten Fahrzeug, aber für ihn ist das alles „no big deal“. Wir sind ja versichert. Es entstehen keine weiteren Kosten für uns. Wir unterzeichnen lediglich ein Übergabeprotokoll für den neuen Wagen und können direkt weiterfahren. Da sind wir doch mal froh, dass wir uns für die Komplettversicherung entschieden haben 😉

Zurück in Paddington laden wir das Gepäck in unseren neuen Camper und stellen dabei fest, dass uns ein Bettlaken fehlt. Da die Mietstation nur etwa eine viertel Stunde entfernt ist, fahren wir nochmal zurück. Als Thomas uns sieht, grinst er schon und kommt direkt mit meinem Geldbeutel in der Hand auf uns zu. Meinem Geldbeutel? Den habe ich tatsächlich beim Ausräumen im alten Fahrzeug übersehen und bis dahin nicht einmal bemerkt, dass er verschwunden war. Es hat sich also in doppelter Hinsicht gelohnt, dass wir nochmal zur Mietstation zurückgefahren sind. 🙂

Danach heißt es für uns Abschied nehmen von Brisbane. Wir haben die Zeit dort sehr genossen, besonders den Aufenthalt bei Margot und Mark. Es war schön, mal wieder ein paar Haustiere um sich zu haben, während wir morgens auf der großen Terrasse gefrühstückt haben. Genauso am Abend, wenn die Possums auf den Bäumen umhergeklettert sind. Wir haben einen neuen sauberen Camper, den wir neu eingerichtet haben und sind nun besser ausgestattet, als jemals zuvor. Wir haben wieder genug Energie getankt, um die nächsten Abenteuer zu meistern, egal ob uns Regen, Hitze oder eine weitere Panne den Weg erschwert. Auf gehts!

2 Replies to “Boxenstopp”

  1. Ihr könnt mir hoffentlich genügend Tipps für unseren Trip geben! Wie lange bleiben Sie denn noch down under? Wir werden ja im Sommer eher den Norden unsicher machen! Noch viel Spaß und keine großen Probleme mehr auf der Reise!

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