Es ist der 8. März 2018. Seit 154 Tagen sind wir nun unterwegs. Genau genommen sind es nur 153, denn der 10. Dezember 2017 hat für uns aufgrund der Zeitverschiebung zwischen Buenos Aires und Melbourne nie existiert. Es beginnt unser letzter Tag in Australien in Cairns, der kleinen Küstenstadt in Queensland, die das Ziel unserer langen Odyssee mit unserem Jucy-Camper ist. Unseren kleinen bunten Wagen haben wir bereits vor zwei Tagen abgegeben und nun sitzen wir im Aufenthaltsraum in unserem Hostel, während draußen heftiger Regen gegen die Fensterscheiben donnert. So heftig, dass das Badezimmer mit Zugang vom Innenhof bereits unter Wasser steht. Vor unserem Zimmer, welches direkt daneben liegt, wurden vorsorglich ein paar Sandsäcke ausgelegt. Obwohl der Himmel voller dicker Wolken hängt, ist es sehr warm und die Luftfeuchtigkeit unerträglich hoch. Aufgrund des Wetters können wir nicht viel in Cairns unternehmen, haben aber auch eigentlich keine Lust mehr dazu. Wir sitzen hier und warten, dass die Zeit vergeht. Warten auf den Abend, wenn wir in den Flieger steigen, Australien verlassen und ein neues Kapitel unserer Reise beginnt. Falls wir überhaupt heute Abend tatsächlich fliegen. Denn das ist bisher noch gar nicht sicher…

Aber fangen wir mal lieber ein paar Tage weiter vorne an: Wenn man vom Süden quer durch das Land in den Norden reist, nimmt man ziemlich viele Klimazonen mit. Von staubtrockenen Steppenlandschaften in Südaustralien bis hin zu subtropischen Klima mit heftigen Regenfällen, seit wir die Grenze zu Queensland überschritten haben. Die Gegend um uns herum ist seitdem viel grüner. Saftig grüne Wiesen mit Kühen mischen sich mit Zuckerrohrplantagen zu einem Landschaftsbild aus einer Kreuzung zwischen Allgäu und Karibik. Die Sonne kommt nur noch selten zwischen den dunklen Wolken hervor und meistens prasseln dicke Regentropfen auf uns nieder. Die Gegend um Cairns besteht zu größtem Teil aus Regenwald und es gibt einige Wasserfälle, die sich über mehr oder weniger kurze Wanderungen besichtigen lassen. Wir reisen nicht mehr weiter in den Norden, sondern erkunden das Gebiet der nördlichen Tablelands, wobei wir nun immer öfter auf Caravan-Parks umziehen. Der Grund: Es regnet häufig und so dermaßen stark, dass wir kaum noch unter freiem Himmel kochen bzw. essen können. In Caravan-Parks gibt es doch eher mal noch eine überdachte Campingküche oder zumindest einen Unterstand, unter dem man sich setzen kann. Außerhalb größerer Ortschaften findet man so auch schön versteckte Plätze mit lustigen Leuten, wie zum Beispiel in Yungaburra, wo wir auf einen ganzen Caravan-Club treffen. Die „Grey Nomads“, wie sich die reiselustigen Rentner nennen, nehmen bis auf ein paar wenige andere Gäste den kompletten Platz ein und obwohl wir quasi auf ihrem „Stammplatz“ stehen, werden wir freundlich in die Runde aufgenommen und dürfen uns sogar am großen BBQ bedienen. Das schönste Highlight für das Ende hier in Australien bescheren uns aber Clara und Manolo, die beiden Spanier, mit denen wir ein Stück weit durch Argentinien gereist sind. Während wir bereits Australien unsicher gemacht haben, waren die beiden auf den Osterinseln und in Neuseeland unterwegs und starten nun von Cairns aus ihre Reise nach Sydney. Echt fantastisch, die beiden wieder zu sehen! Wir verabreden uns auf einem kleinen Campingplatz in der Nähe von Atherton und verbringen einfach einen schönen Abend. Am nächsten Morgen besuchen wir zu viert noch einen Bauernmarkt und wandern einen kurzen Pfad an einem Fluss entlang, in der Hoffnung dort Schnabeltiere zu sehen. Leider ohne Erfolg. Danach müssen wir schon wieder Abschied nehmen, denn Clara und Manolo haben nur drei Wochen für ihren Roadtrip nach Sydney — natürlich auch in einem stylischen Jucy-Camper. 😉

Wir ziehen weiter und übernachten immer an anderen Orten rund um die Tablelands, ohne uns noch weiter von Cairns zu entfernen. In der Nähe von Kuranda entdecken wir eine andere schöne Ecke auf einem Campingplatz, der eher zum Grundstück einer riesigen Villa gehört. Bis auf das Paar, dass das riesige Haus bewohnt, sind wir komplett allein. Wir parken direkt neben der großzügigen Campingküche und können sogar den Pool mitbenutzen. Da es uns hier so gut gefällt und wir auch immer öfter vom Regen überrascht werden, bleiben wir hier gleich für mehrere Tage.

Tja, der Regen, der wird allmählich wirklich zum Problem. Besonders gemerkt haben wir das auf unserer Wanderung zu den Nandroya-Falls, einem riesigen Wasserfall, an dem man sogar baden kann. Um wenigstens ein bisschen aktiv zu sein, wollen wir trotz des unstetigen Wetters den Trek in Angriff nehmen. Es gibt einen kürzeren und einen längeren Weg dorthin. Wir entscheiden uns für den kurzen Weg und werden bereits kurz bevor wir den Wasserfall erreichen von einem Regenschauer überrascht. Nicht weiter schlimm, denn schon wenig später kommt die Sonne wieder zwischen den Wolken hervor und wir nehmen nach einem Bad unter dem riesigen Wasserfall den längeren Rückweg in Angriff. Ab hier beginnt das Drama. Bei unserem etwa vier Kilometer langen Rückweg durch den feuchten Regenwald müssen wir ziemlich viele breite Bäche durchqueren. Etwas ungeschickt klettern wir über die rutschigen Steine ans andere Ufer. Nach jeder Überquerung hängen etliche Blutegel an unseren Schuhen, die sich hartnäckig ihren Weg hoch zu unseren Beinen bahnen und dort festbeißen. Die kleinen Würmer dort wieder abzubekommen ist nicht einfach, da sie einerseits recht glitschig sind und sich andererseits ordentlich festklammern können. Bis wir uns nach jeder Bachdurchquerung von Egel befreit haben, vergeht viel Zeit und über unseren Köpfen braut sich das nächste Unwetter zusammen — aber was für eins. Der Himmel verdunkelt sich so sehr, dass es unter den dicht stehenden Bäumen, die sowieso schon viel Sonnenlicht aussperren, richtig finster wird. Teilweise können wir nicht mehr erkennen, wo wir den nächsten Schritt hinsetzen und rutschen nur noch durch den Schlamm. Dann öffnet der Himmel seine Schleusen und lässt es schütten wie aus Eimern. Binnen weniger Minuten sind wir komplett durchnässt und die Schuhe sind bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Jetzt ist alles egal. Nichts wie raus hier! Nach einer gefühlten Ewigkeit mit zig weiteren Bachquerungen und einer Egelinvasion an den Füßen erreichen wir unseren Camper und machen uns schleunigst auf den Heimweg. Das hat an uns gezehrt. Und auch an unseren Klamotten, die wegen der hohen Luftfeuchtigkeit schon seit Tagen nicht trocknen wollen.

Die restlichen Campertage verbringen wir in einem recht schicken Caravan-Park vor Cairns mit eigenem Pool, Fitnessstudio und Open-Air-Kino. Ein bisschen Luxus darf ja auch mal sein. Trotzdem lässt uns das Wetter nicht in Ruhe, auch nicht in unserem Hostel in Cairns, dass wir für die letzten Tage beziehen. Wir sitzen also da, harren aus und verbringen die letzten Tage vor allem mit der Planung unseres neuen Kapitels auf dieser Reise: Asien. 

Wie schon bei der Abreise aus Deutschland und auch bei der Weiterreise von Südamerika nach Australien, denkt man neben dem Bevorstehenden aber auch an das, was zurückliegt. Wir haben während unseren langen Autofahrten viel über unsere Eindrücke hier diskutiert und verlassen Down Under mit einem gemischten Gefühl. So sind wir beispielsweise beide der Meinung, das wahre Australien nur teilweise kennengelernt zu haben. Vieles ändert sich, wenn man von der stark besiedelten Ostküste mal ein paar Stunden ins Landesinnere fährt. Die Landschaft, die Leute, das ganze Flair. An der Küste ist alles immer sauber, bunt und glänzend. Es gibt in jedem noch so kleinen Kaff eine Touristeninformation. Die solarbetriebenen Digitalanzeigen am Straßenrand erinnern uns regelmäßig daran, doch bitte alle zwei Stunden eine Ruhepause von der Autofahrt einzulegen. Die Wege zu sämtlichen Aussichtsplattformen, Wasserfällen oder besonderen Felsen sind so angelegt, dass sie auch der faule, leicht übergewichtige Tourist in Badehose und Flip Flops erwandern kann. Selbst wenn dafür kilometerweise Steinplatten verlegt oder Stahlgerüste in die Felsen gedonnert werden. Zu fast jeder natürlichen Sehenswürdigkeit wurde eine Straße mit einem großen Parkplatz gezimmert und besonders während der australischen Ferienzeit im Januar war vieles davon heillos überlaufen. Die meisten Nationalparks boten auch leider kaum vernünftige Wanderwege an, sondern nur kurze Pfade von einigen 100 Metern vom Parkplatz bis zum nächsten Wasserfall. 

Auch das Surfen kam für uns leider viel zu kurz. Ein kleines Dörfchen in einer Bucht an der Ostküste mit einem Boardverleih und einer Reihe kleiner Bars mit leckeren Cocktails. Dazu ein paar Camper, die direkt am Strand parken mit ein paar Leuten, die am Abend um ein Lagerfeuer sitzen. So kennen wir das aus Mittelamerika und haben es uns ähnlich in Australien erhofft, da Surfen hier quasi ein Volkssport ist. Jedoch ist die Bebauung der Ostküste und der Tourismus leider schon zu sehr fortgeschritten und dieses Bild aus unseren Köpfen haben wir in Australien nicht finden können.

Nichts desto trotz hatten wir hier eine fantastische Zeit, denn das Surfen und Wandern waren nur zwei kleine Aspekte auf unserer 11220 Kilometer langen Tour durch den Kontinent. Das eigentliche Highlight war die Reise an sich, das Leben in unserem Camper, das wir jede Minute genossen haben. Die ewig langen Highways, die geradeaus am Horizont enden, genauso wie die kurvigen Straßen über die Hügellandschaften des Hinterlandes. Die Abende auf den vielen schönen Campingplätzen mit all den tollen Menschen, die wir dort getroffen haben. Wir hatten uns so viel Zeit genommen, dass wir absolute Freiheit hatten, wohin wir gehen und was wir unternehmen. Wenn wir nicht gerade für mehrere Tage in einer größeren Stadt waren, wussten wir morgens noch nicht, wo wir am Abend landen — ein schönes Gefühl.

Apropos Stadt: Jede australische Hauptstadt hat uns begeistert und auf ihre eigene Weise fasziniert. Adelaide bildet hier vielleicht die Ausnahme, aber auch da war es ganz nett. Die Stopps in den größeren Städten waren eine willkommene Abwechslung zu den langen Etappen durch die australische Buschlandschaft. Gerade dieser Mix aus Natur und Metropolen war ein Grund, weshalb wir uns für Australien entschieden haben. 

Absolut überrascht hat uns allerdings die Nähe zur Tierwelt, die man natürlich beim Camping besonders intensiv wahrnimmt. Emus, Kängurus, Papageien, Warane, Koalas, Spinnen, Schlangen und vieles mehr haben wir mehrfach in freier Wildbahn gesehen, als würde man in einem gigantischen Zoo übernachten. 

Und trotzdem sind wir auf unsere letzten Tage hier müde von Australien geworden. Vielleicht liegt es auch am tristen Wetter, doch so langsam beschleicht uns der Verdacht, schon viel zu lange hier zu sein. Es ist an der Zeit, dass wieder etwas mehr Dynamik in unsere Reise kommt und neue Reize gesetzt werden. Deshalb freuen wir uns auch schon tierisch auf unseren Flug nach Bali, den wir in der Nacht antreten.

Aber da gibt es noch ein Problem: Mein (Michis) Ohr. Das schmerzt seit gestern ziemlich heftig und wir vermuten eine Mittelohrentzündung. Damit zu fliegen ist keine gute Idee, also machen wir uns an unserem letzten Tag in Australien noch auf die Suche nach einem Arzt. Wenn wir nicht fliegen können, müssen wir den Flug und die Unterkunft auf der Insel Bali stornieren. Flüge in den nächsten Tagen sind um einiges teurer wie unser ursprünglicher Flug, den wir schon vor Reisebeginn gebucht hatten. Zudem bleiben uns nur drei Tage bis unser 90-tägiges Visum ausläuft. Die Situation ist also ziemlich verzwickt.

Der Arzt in Cairns gibt erstmal Entwarnung und diagnostiziert keine Entzündung. Trotzdem ist der Gehörgang verstopft und kein Druckausgleich im Ohr möglich, was im Flugzeug zu starken Schmerzen, bis hin zur Schädigung des Trommelfells führen kann. Er rät daher vom Fliegen ab, es sei denn, ich bekomme den Druckausgleich noch rechtzeitig vor Flugbeginn hin — ein paar Stunden Zeit haben wir ja noch…

Es gibt erstmal ein paar Medikamente und dann heißt es warten. Warten, bis der Abend kommt, bis der Regen endlich aufhört, bis der Druckausgleich im Ohr wieder funktioniert. Und dann, irgendwann, nach stundenlangem herumlungern, passieren alle drei Dinge. Wir riskieren es und rufen uns ein Taxi zum Flughafen. Unsere großen Rucksäcke sind wieder voll bepackt, die letzten Utensilien aus unserem Camper haben wir an ein Reisepärchen aus dem Hostel verschenkt. Wir sind wieder Backpacker, bereit für ein neues großes Kapitel auf dieser Reise, das mit Sicherheit wieder ganz anders wird als alles andere davor. Auf gehts nach Indonesien!

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