Auch wenn wir finanziell unseren Rahmen für Südamerika etwas gesprengt haben, so sind wir zumindest zeitlich super im Plan geblieben. Am Ende reicht es sogar noch für einen Ausflug zu den Iguazú-Wasserfällen, ein Ziel, dass wir zu Beginn unserer Reise gar nicht auf dem Schirm hatten. Wir hätten es aber auch nie für möglich gehalten, dass wir nach Ushuaia, dem südlichsten Gipfel Argentiniens, nochmal ganz nach oben in den Norden bis an die Grenzen von Brasilien und Paraguay fahren. Doch den kurzen Abstecher gönnen wir uns noch.

Puerto Iguazú

„Kurzer Abstecher“ bedeutet in diesem Fall nochmal 22 Stunden Busfahrt und so verlassen wir Buenos Aires schon nach wenigen Tagen wieder und rollen eine weitere Nacht im Bus gen Norden. Als wir am nächsten Tag aus dem Fenster schauen, hat sich die Landschaft schon wieder enorm verändert. Um uns herum herrscht tropisch feuchtes Klima und riesige Dschungelflächen bedecken die Landschaft, die nur von der Straße durchbrochen wird, die ewig geradeaus am Horizont verschwindet.
Unser Hotel (ja richtig, ein Hotel, kein Hostel!) liegt nur wenige hundert Meter vom Busterminal in Puerto Iguazú entfernt. Trotzdem sind wir komplett nass geschwitzt, als wir an der Rezeption einchecken, denn es ist wahnsinnig heiß und die Luftfeuchtigkeit irre hoch. Es ist schon verrückt. Während für uns noch vor wenigen Tagen die Heizung im Hostelzimmer der pure Genuss war, so freuen wir uns hier über die Klimaanlage, die über unserem Bett hängt und die Nächte zumindest halbwegs erträglich macht.
Wir hatten zu Beginn unserer Reise nie darüber nachgedacht die Iguazú-Wasserfälle zu besuchen, doch im Laufe der Wochen und nach vielen Gesprächen mit anderen Reisenden, haben wir sie als Option gesehen. Allerdings waren wir uns nicht sicher, ob sich der enorme Aufwand dafür lohnt. Immerhin kostet uns das über 40 Stunden Reisezeit (hin- und zurück) und wir verlieren einige Tage für Buenos Aires, nur um ein paar Wasserfälle zu sehen. Ob sich das lohnt?

Es lohnt sich! Die tosenden Wassermassen im Iguazú-Nationalpark zählen zu den spektakulärsten Wasserfällen der Welt und gelten als eines der Naturweltwunder. Sie bestehen aus mehreren Wasserfällen, die teilweise über 80 Meter in die Tiefe stürzen. Sie alle münden in einen gemeinsamen Fluss, der die Grenze zwischen Argentinien und Brasilien bildet. Über mehrere Stege laufen wir mal neben, mal über der Schlucht und bestaunen die unendlichen Wassermassen, die laut krachend und mit viel Sprühnebel nach unten donnern. Wie schon am Perito Moreno Gletscher kann man sich an diesem Naturspektakel gar nicht satt sehen und so verbringen wir fast den ganzen Tag im Nationalpark und laufen alle erdenklichen Wege ab. An keinem Tag haben wir mehr Fotos gemacht, nicht einmal auf Machu Picchu.
Neben den Wasserfällen entdecken wir auch einige Affen und vor allem Nasenbären, die unsere Rucksäcke nach essbarem Inhalt durchschnuppern. Leider gibt es im Nationalpark zu viele Touristen, die fleißig hunderte von Schildern ignorieren, die das Füttern der Wildtiere verbieten. Das führt zum einen dazu, dass die Tiere an Burgern und Pommes sterben, zum anderen verlieren sie gegenüber den Menschen ihre Angst und werden sogar richtig böse, wenn man ihnen nichts abgibt.
In den weiteren Tagen in Puerto Iguazù besuchen wir auch eine Tierauffangstation für durch Jäger oder Autos verwundete Tiere. Da der Highway zum Nationalpark mitten durch die Wälder läuft, gibt es für die freiwilligen Arbeiter vor Ort immer etwas zu tun. Wir erfahren viel über die Arbeit dort und werden durch die verschiedenen Gehege geführt, in denen Tiere aufgepäppelt und für ihre Auswilderung vorbereitet werden.
Danach heißt es wieder zusammenpacken und zurück nach Buenos Aires. Noch ein letztes Mal setzen wir uns in den Reisebus. Wir haben Plätze ganz vorne ergattert. Der Bus ist fast leer. Wir haben die angenehmste Fahrt auf unserer Reise und kommen 22 Stunden später wieder in der argentinischen Hauptstadt an.

Tausende von Kilometern und etliche Stunden (eigentlich Tage) haben wir durch den südamerikanischen Kontinent zurückgelegt. Von ultranoblen Luxuslinern bis zu ausrangierten Rumpelkisten, deren Türen nicht richtig schließen konnten, hatten wir alles mit dabei. Unzählige Filme sind über das Bordkino geflimmert. Ganz selten in Englisch, oft auf Spanisch und meistens komplett ohne Ton. Es ist schon erstaunlich wie viel man von einer Filmhandlung versteht, wenn man nur die Bilder sieht. Aber nun ist Schluss damit. Keine Bustoiletten mehr, kein total überzuckerter Kaffee aus dem Bordrestaurant und keine Sucherei mehr nach der besten Busverbindung. Wir sind am Ende unserer Reise durch Südamerika angekommen. In der Stadt, die als die schönste Stadt in Südamerika beschrieben wird, die mehr als 13 Millionen Menschen ein Zuhause bietet und die unser letztes Kapitel auf diesem schönen Kontinent beschreibt. Für ein paar Tage haben wir Buenos Aires schon vor unserem Ausflug nach Puerto Iguazú kennengelernt, doch jetzt tauchen wir richtig ein.

Buenos Aires

Wir haben erneut eine Unterkunft im Stadtteil San Telmo, der uns wirklich gut gefällt. Schräg gegenüber von unserem Hostel befindet sich ein vietnamesisches Restaurant, in dem wir in den nächsten Tagen Stammgäste werden. Es kann ja nicht immer nur Steak sein.
Die Tage sind heiß, teilweise bis zu 35°C. Und das im argentinischen Frühling. Die Jahreszeit merke ich besonders, denn mein Heuschnupfen setzt mit voller Wucht wieder ein. In Buenos Aires gibt es eine Menge Parkanlagen, die mit vielen verschiedenen Baumsorten bepflanzt wurden. Da ist für jeden Allergiker was dabei. Bewaffnet mit Taschentüchern und Sonnencreme erkundigen wir also diese pulsierende Stadt. Es ist absolut herrlich. Man hat nie das Gefühl, sich in der schieren Größe dieser Stadt verloren zu fühlen. Selbst neben viel befahrenen Straßen, wie zum Beispiel der Avenida 9 de Julio, die mit ihren 16 (!) Fahrspuren als breiteste Straße der Welt mitten durch Buenos Aires führt, kann man sich noch ruhig unterhalten und einen Kaffee trinken. Generell wirkt die Stadt sehr gemütlich, wenn man mal von den Fahrten mit der Metro absieht. Doch selbst das ist auf eine bizarre Weise ein schönes Erlebnis, denn die Menschen nehmen die komplett überfüllten Züge mit Gelassenheit und Humor, machen Scherze und quatschen fröhlich mit dem Fremden, der sich eben gerade neben sie gepresst hat. Ist mal weniger in der Metro los, versuchen einige Leute nach Geld zu betteln. Manch einer gibt dazu auch eine Gesangseinlage. Wir haben aber auch schon echt witzige Auftritte gesehen, wie beispielsweise ein Theaterstück unter Einbezug anderer Fahrgäste oder eine Rap-Performance. Langweilig ist es in der Metro jedenfalls nie.
Ein Ziel in Buenos Aires ist für uns natürlich auch der berühmte Friedhof. Die damals dort ansässige Bevölkerung wollte ihren Wohlstand auch durch ihre Gräber nach außen tragen, wodurch auf dem Friedhof gigantische Mausoleen entstanden sind. Teilweise so groß wie ein Einfamilienhaus. Man fühlt sich beim Spaziergang durch die Gassen vorbei an den edlen, teilweise zerfallenen Grabstätten, als gehe man durch eine kleines Dorf. Der Fantasie der Erbauer waren keine Grenzen gesetzt.
Und natürlich besuchen wir auch das Grab von Evita. Wem Evita, oder besser gesagt Eva Perón, nichts sagt, wird zumindest das Lied „Don‘t cry for me Argentina“ aus dem Musical „Evita“ kennen, dass vom Leben der argentinischen Volksheldin handelt.

Der Refrain aus dem Lied spielt in meinem Kopf, während diese Zeilen entstehen. Wir befinden uns gerade im Flugzeug über dem Pazifik und steuern auf unser nächstes Ziel Australien zu. Südamerika haben wir hinter uns gelassen und damit einen Kontinent, der uns beide total fasziniert hat. Wenn wir bei unserer Reiseplanung einen Fehler gemacht haben, dann der, dass wir uns dort zu wenig Zeit gegönnt haben. Aber wahrscheinlich kann man viele Monate hier verbringen und hat noch lange nicht alles gesehen. Wir haben gerade einmal vier Länder besucht – Brasilien als größtes Land war gar nicht dabei.
Jedoch haben wir das Beste aus unserer Zeit gemacht und viele tolle Eindrücke gewonnen. Das Meiste haben wir euch hier in unserem Blog erzählt. Für manches findet man aber auch keine Worte und vieles lässt sich mit dem Fotoapparat nicht festhalten.
Mit tollen Erinnerungen stürzen wir uns nun hochmotiviert ins nächste Abenteuer. Die Befürchtung, dass wir vielleicht des Reisens müde werden könnten, hat sich bisher nicht bestätigt. Wir freuen uns auf neue Landschaften, ein neues Lebensgefühl und vor allem auf eine komplett neue Art zu Reisen. Leise sagen wir „Adios“ zu Südamerika. Oder vielleicht besser „hasta luego“, denn wir beide haben wohl einen Teil unserer Herzen in Argentinien, genauer gesagt in Buenos Aires, verloren.

Don’t cry for me, Argentina
The truth is, I never left you
All through my wild days, my mad existence
I kept my promise
Don’t keep your distance

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.