Wir wussten, dass es hart wird. Wir haben es uns selbst rausgesucht. Die stundenlangen Busfahrten durch Südamerika. Das Essen von teils fragwürdiger Qualität. Das Herumschleppen unserer schweren Rucksäcke von Unterkunft zu Unterkunft. Gemeinschaftsduschen, schnarchende Zimmerkollegen, verdreckte Küchen. 66 Tage in einem kleinen Camper schlafen — im australischen Sommer. Ständig planen, organisieren, aufs Geld schauen, Rucksack auspacken, einpacken und morgen das Ganze von vorne. Es ist ein unbeständiges Leben und es strengt an. Auf Reise zu sein, bedeutet eben nicht automatisch im Urlaub zu sein, denn im Urlaub macht man einfach nichts, oder nur das, was man möchte. Das kann man am Pool im Fünf-Sterne-Resort, genauso wie daheim im Garten. Wir haben uns für die Reise entschieden. Wir wollen Länder kennenlernen und das Land und die Leute möglichst authentisch erleben. Und das kostet viel Zeit und Nerven. Besonders die letzten Tage in Australien, die von uns aufgrund des schlechten Wetters viel Geduld erfordert hatten, haben uns Müde gemacht. Nirgendwo sonst haben wir so oft an zu Hause gedacht und uns gefragt, ob wir noch genug Energie für das chaotische Asien haben. Was uns fehlte waren neue Reize, neue Impulse, die den Hunger nach neuen Entdeckungen und Abenteuern wieder entfachen und uns motivieren, die verbleibende Zeit so gut es geht zu nutzen. Da kommt uns Bali gerade recht.

Bali ist ein beliebter Ort für Touristen aller Art geworden. Dementsprechend viele Meinungen gibt es über die indonesische Insel. Manch einer findet hier das Paradies auf Erden, andere empfinden es schlimmer als den Ballermann auf Mallorca. Für uns ist Bali vor allem eins: Die dringend notwendige Ohrfeige, die uns aus der Reisemüdigkeit holt. Eine unfassbar schöne Insel, teilweise herrlich schrill und laut, an anderen Orten wunderbar still und idyllisch. Die Einflüsse der hinduistischen Kultur sind überall zu sehen und keinesfalls kitschig sondern absolut authentisch.
Wir landen in der Nacht und werden am Flughafen in Denpasar von unserem Fahrer abgeholt. Durch das verschlafene Bali fahren wir Richtung Nordosten und beziehen unsere Unterkunft in einem kleinen Hotel in der Nähe der Ostküste. Was wir hier für wenig Geld bekommen, hätten wir uns in den letzten Monaten nichtmal in unseren Träumen vorgestellt: Ein riesiges Zimmer mit Badezimmer für uns alleine. Geht man vor die Tür und läuft drei Meter geradeaus, fällt man direkt in den kleinen Pool. Zum Frühstück, dass jeden morgen direkt daneben serviert wird, gibt es Filterkaffee (ein Traum!), frisches Obst, Brot mit hauseigener Marmelade und gebratenes Ei in allen Variationen.
Es ist heiß und feucht auf der Insel, denn die Regenzeit endet gerade. Aber hey, wir kommen direkt aus Australien! Wir sind so dermaßen geschädigt von Hitze und hohen Niederschlägen, dass wir das Klima auf Bali als absolut angenehm empfinden. Zudem merkt man sehr an der Anzahl der wenigen Touristen, dass gerade keine Hochsaison herrscht.
Wir hatten uns bisher nur wenig mit Bali bzw. Südostasien im Allgemeinen beschäftigt, weshalb wir auch nicht wirklich einen genauen Plan von Bali haben. Die Insel ist aber nicht besonders groß und lässt sich gut auf eigene Faust entdecken, sofern man nicht den Ritt auf einem Motorroller über Balis enge Straßen scheut. Wir bleiben also erstmal für ein paar Tage hier in unserer ersten Unterkunft und erkunden die Insel in alle Himmelsrichtungen. Dafür leihen wir uns direkt an unserem Hotel einen Roller und brausen los. Die erste Fahrt war… naja… wir haben etwas gezittert, als wir wieder zurück waren. Das Problem ist nicht der Linksverkehr — den kennen wir schon aus Australien. Es scheint auf Bali allerdings nur eine Verkehrsregel zu geben, nämlich die, dass es Keine gibt. Etwa 90% der Inselbewohner bewegen sich mit Rollern fort, die restlichen 10% sind kleine LKWs oder Mietwagen von Touristen, die dem Herzinfarkt Nahe sind. Zwischen den Autos brausen die Scharen an Motorrollern umher. Es gibt keine Vorfahrtsregeln, Ampeln werden meist ignoriert. Wenn man aus einer Seitenstraße auf die Hauptstraße abbiegen will, sucht man sich einfach eine kleine Lücke und schwimmt in dem Meer aus Motorrollern mit. Ein paar Mal hatten wir dabei so unsere Erlebnisse und sahen uns schon fast auf der Straße liegen. Besonders für uns, die die deutsche StVO gewohnt sind, erfordert das eine gewisse Umstellung, doch schon nach kurzer Zeit wird man entspannter und kommt besser damit zurecht. Denn trotz dem augenscheinlichem Chaos scheint der Verkehr irgendwie zu funktionieren. Und die Leute sind hier so entspannt. Man muss einfach immer davon ausgehen, dass einem die Vorfahrt genommen wird und genauso wenig stört es Andere, wenn man ihnen die Vorfahrt nimmt. Während unserer ganzen Fahrten haben wir nie andere Verkehrsteilnehmer schimpfen hören. Vielleicht mal ein kurzes Hupen, doch böse Gesten oder Wörter sind hier fremd. Rollerfahren auf Bali ist ein Mix aus maximaler Konzentration, Gelassenheit und dem Vertrauen, dass die anderen Fahrer um einen herum schon wissen, was sie tun.

In einer knappen viertel Stunde erreichen wir mit unserem flotten Zweirad den Echo Beach an Balis Westküste und finden das, was wir in drei Monaten Australien sehnsüchtig gesucht hatten: An dem mit Felsen durchzogenen Sandstrand reiht sich eine Beach Bar an die Andere. Davor spielen junge Familien mit ihren Kindern am Strand, während draußen im Meer einige Surfer auf die perfekte Welle warten. Vor irgendeiner Bar interpretiert eine Live-Band Klassiker der Popmusik im Reggae-Stil. Von einem Restaurant weht der Geruch von gegrilltem Fisch um unsere Nase. Haben wir das Paradies gefunden? Es sieht so aus!
Wir parken unseren Roller auf einem Parkplatz zwischen hundert Anderen (wir haben einen Knopf am Schlüssel, der die Blinker aktiviert, damit wir ihn wieder finden) und lassen uns mit einem Bier in der Hand in einen der vielen Sitzsäcke am Strand nieder. Es dauert nicht lange, bis die Sonne am Horizont im Meer verschwindet. Wir werden hier wohl nicht so schnell verschwinden.

Nicht weit von unserer Unterkunft gibt es verschiedene Tempelanlagen zu erkunden, wie zum Beispiel den berühmten Tanah Lot Tempel im Meer, der nur bei niedrigem Wasserstand zu erreichen ist. Oder der Ulun Danu Tempel weiter oben im Norden, der in einem See angelegt wurde. Nicht weit davon entfernt besuchen wir auch die gigantischen Reisterrassen bei Jatiluwih, die von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnet wurden. Zwar tuckern wir mit unserem Roller mehr als eineinhalb Stunden dort hin, doch der Spaziergang durch die gigantischen, stufenförmigen Reisfelder lässt die lange, ungemütliche Fahrt schnell vergessen. Je weiter wir in den Norden fahren, desto ursprünglicher wirken die Dörfer, die wir passieren. Der Verkehr wird weniger, doch Schlaglöcher, Hunde und Hühner auf den Straßen erfordern weiterhin volle Aufmerksamkeit. Während der Fahrt ziehen einem ständig neue Gerüche in die Nase. Mal sind es die Räucherstäbchen der Opfergaben, die vor fast jedem Haus liegen, mal das gegrillte Fleisch, dass direkt am Straßenrand verkauft wird. Oder der Rauch aus einem Hinterhof, in dem irgendetwas verbrannt wird, was wir gar nicht so genau wissen wollen. 

Auf unserem Rückweg von den Reisfeldern fängt es schlagartig an zu Regen. Noch bevor wir einen geeigneten Unterstand finden, sind wir bereits so durchnässt, dass wir beschließen einfach weiter zu fahren. Immer wieder queren wir überflutete Straßen und tuckern mit unserem Roller durch das Wasser. Spätestens jetzt ist das Rollerfahren kein Stress mehr sondern der pure Spaß, da der Spirit aus der Jugendzeit, als man bei jedem Wetter mit dem Roller durch die Gegend gebraust ist, wieder voll da ist :).

Nach einigen Tagen reisen wir weiter nach Ubud. Ubud galt lange als Geheimtipp, als ein spiritueller, alternativer Ort, doch auch hier hat der Tourismus mittlerweile deutlich zugenommen. Ubud ist geprägt von unzähligen Spas, Yoga-Studios und veganen Cafés. Wir übernachten in einem sogenannten Homestay, wohnen also bei einer balinesischen Familie. Wir beziehen einen kleinen Bungalow in deren Garten, der eher einer Tempelanlage gleicht. Obwohl wir mitten im Ortskern sind, bekommen wir von dem Lärm draußen auf den Straßen kaum etwas mit. Es ist herrlich entspannend hier. Morgens bekommen wir das Frühstück direkt an unsere kleine Terrasse geliefert und beobachten, wie von den Kindern verschiedene Opfergaben im Garten verteilt werden, die kurze Zeit später von der Katze gefressen werden.

Für viele Reisende ist es ungünstig, gerade zu diesem Zeitpunkt auf Bali zu sein, denn die vom Hinduismus geprägte Insel feiert am 17. März Nyepi, den balinesischen Jahreswechsel. Auf die ausgiebige Feier, welche am 16. März stattfindet, folgt ein Tag absoluter Ruhe. Die Menschen bleiben zuhause, sämtlicher Verkehr ist stillgelegt, sogar am Flughafen starten und landen keine Maschinen. Es ist ein Tag, an dem man nichts macht.
Aus diesem Grund verbringen viele Urlauber diese Tage auf der Nachbarinsel Lombok oder den Gili-Inseln. Der Islam ist dort die am meisten verbreitete Religion und so gibt es dort keine Neujahrsfeiern nach den strengen Regeln wie auf Bali. Wir hatten ursprünglich den selben Plan, doch irgendwie passte er nicht zu unserem Reisetempo. Außerdem ist es schön, die Kultur der Bevölkerung auf Bali bei diesem einmaligen Event hautnah mitzuerleben, gerade jetzt, wo wir auch noch bei einer einheimischen Familie übernachten dürfen.
Diese hatte bereits am Nachmittag vor der Feier angefangen, in ihrem Garten eine Zeremonie abzuhalten. Es wurden Opfergaben ausgelegt und alle Bungalows auf dem kleinen Grundstück geweiht. Die Kinder haben dabei mit Töpfen ordentlich Krach veranstaltet, um die bösen Geister zu vertreiben.
Später am Abend versammelt sich die Stadt im Zentrum. Sämtliche Nebenstraßen sind wie leergefegt. Tausende Menschen sind auf der Hauptstraße unterwegs und ziehen mit gigantischen Kreaturen, auch Ogoh Ogoh genannt, durch die Straße. Mit viel Krach, Feuer und lautem Gesang werden die Ogoh Ogoh‘s durch die Straßen getragen. Sie stellen die bösen Dämonen dar, die aus der Stadt vertrieben werden sollen. Später wandern die Kreaturen zurück in die umliegenden Dörfer, in denen sie wochenlang mühevoll gebaut worden sind, um dort feierlich verbrannt zu werden. Total abgefahren!

Als wir am nächsten morgen aufwachen, hören wir nur das Gezwitscher der Vögel und ein paar bellende Hunde. Kein Hupen, keine knatternden Roller, nichts. Die Stadt wirkt wie ausgestorben. Nur ein paar wenige „Religionspolizisten“ streifen durch die Straßen und kontrollieren, dass niemand sein Haus verlässt oder bei Dunkelheit ein Licht anmacht. Wer sich dem widersetzt, wird verwarnt oder sogar verhaftet. Es ist Nyepi, der Tag der Ruhe und Meditation für die Bevölkerung. Es ist ein Tag, der so viel Zeit schenkt, wie man sie sonst nie hat.
Wir schreiben ein bisschen am Blog, sortieren Bilder aus, Lesen, reinigen unser Equipment und schwimmen im Pool. Doch die meiste Zeit sitzt man nur da und denkt nach. Denn wenn man sich mit nichts ablenken kann, dann beschäftigt man sich eben mit sich und seinen Gedanken. Etwas, was im Alltag selbst auf einer Reise nur selten geschieht. Es gibt kein Radio, keine Fernsehübertragung und sogar das Internet wurde von der Regierung abgeschaltet. Was für herrliche 24 Stunden!

2 Replies to “Ein Gefühl wie Urlaub”

  1. Hallo Michi und Caro
    Wir lesen immer wieder gerne eure Reiseberichte. Die Photos sind echt super! Wir wünschen euch eine erlebnisreiche Zeit in Nepal und warten auf viele schöne neue Bilder. Unsere nächsten Ferien haben wir nach langem evaluieren nun auch entschieden: Vier Wochen Chile und Bolivien, ja wir sind Wiederholungstäter 😉
    Viele Grüsse Daniel und Esther aus der Schweiz

    1. Hallo ihr beiden. Sind wieder heil angekommen und werden euch bald ein paar Bilder zeigen können. Wir glauben das wäre auch etwas für euch. Können aber eure Entscheidung bestens nachvollziehen. 😉

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