El Chaltén

Unser Bus startet früh am Morgen in El Bolsón seine lange Reise auf der Routa 40 durch die argentinische Steppe. Obwohl wir bis zum Abend nur einen kurzen Stopp einlegen, vergeht die Zeit wahnsinnig schnell und ehe wir uns versehen, befinden wir uns schon um etwa 20 Uhr am Busterminal des kleinen Städtchens Perito Moreno (was nicht am berühmten Gletscher liegt). Wir müssen den Bus wechseln und einen Stunde am Terminal warten, bis wir die Reise nach El Chaltén fortsetzen. Um uns herum gibt es außer einer Tankstelle nicht viel, also gönnen wir uns in unserer Fahrpause feinstes Tankstellenfutter, ehe es auf die Fahrt durch die Nacht geht. Auch wenn der Blick aus dem Fenster schon seit Stunden das gleiche Bild zeigt, kann man sich an den schier endlosen Weiten der Pampa einfach nicht satt sehen. So warten wir bis die Sonne hinter der Andenkette verschwunden ist, bis wir unsere Sitze umlegen und wieder einmal in einen unruhigen Schlaf im Nachtbus fallen.
Wir haben noch gar nicht richtig die Augen geöffnet, da ruft uns schon ein Mitarbeiter der Buscrew zu, dass wir in wenigen Minuten das Terminal in El Chaltén erreichen. Also schnell alles zusammenpacken, bloß nichts im Bus vergessen und ab nach draußen.
Der erste Windstoß reißt uns fast um. Zum Glück sind wir jeweils mit einem ca. 65l-Rucksack am Rücken sowie einem 30l-Rucksack vor dem Körper beladen, sonst hätte uns der Wind auf dem Weg zu unserem Hostel weggeweht. El Chaltén ist ein wirklich kleines Dorf mitten im Nirgendwo, umgeben von Bergen. Es gibt eine Hauptstraße mit mehr oder weniger ansehnlichen Gebäuden, meist Bars oder Restaurants. Die Nebenstraßen und besonders die Umgebung um unser Hostel, welches sich auf einem kleinen Plateau über dem Städtchen befindet, sind gesäumt von kleinen Hütten aus Blech oder OSB-Platten, Wohncontainern und winzigen Häusern. Alles wirkt provisorisch. Einige Autowracks vegetieren am Straßenrand vor sich hin. Es weht ein eisig kalter Wind und die Wolken hängen bei unserer Ankunft tief über den Bergen. Es ist karg, rauh und ungemütlich – und absolut fantastisch. Willkommen in Patagonien!
Unser Hostel ist ein kleines Häuschen, welches sich am Rande der Stadt befindet. Der Gastgeber, ein älterer freundlicher Mann, spricht kein Wort englisch, erklärt uns aber trotzdem alles in penibler Genauigkeit auf spanisch. Die Heizkörper laufen auf Hochtouren, was bei dem eisigen Wind draußen die reinste Wohltat ist. Es herrscht eine gemütliche Atmosphäre in dem kleinen Aufenthaltsraum, während draußen der Wind so heftig bläst, dass es nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis das Wellblechdach über unseren Köpfen weggerissen wird. Es herrscht ein reges Treiben in dem Häuschen, dass bis zu 16 Reisende beherbergt, doch es gefällt uns hier sehr gut.
Das Schöne an El Chaltén ist, dass es direkt im Los Glacieres-Nationalpark liegt und wir von unserem Hostel aus zu Wanderungen aufbrechen können, ohne auf irgendwelche Bustransfers oder Taxen angewiesen zu sein. Da wir nach der Nachtfahrt gleich morgens angekommen sind, nutzen wir schon den ersten Tag, um zum Fuße des berühmten Cerro Torre zu wandern. Der Weg startet direkt an unserem Hostel auf der anderen Straßenseite.
Auch wenn uns die tief hängenden Wolken vorerst den Blick auf die Berge verwehren, ist die Gegend um uns herum einfach der Hammer. Und immer wenn man denkt, es könne nicht mehr besser werden, taucht um die nächste Ecke noch ein Plateau mit Blick auf die weite Steppe, eine strahlend blaue Lagune oder ein Gletscher auf. Es ist alles wahr, was man über Patagonien liest. Der Wind ist heftig und quasi immer da. Man hat des Öfteren jedes Wetter an einem Tag (Sonne, Regen, Wind und Schnee) und die weite unberührte Natur macht uns sprachlos.

Das Wochenende verspricht sonniges Wetter also leihen wir uns Schlafsack, Zelt und Campingkocher und machen uns auf eine zweitägige Wanderung zum Fitz Roy. Nach einigen Stunden erreichen wir den Campingplatz im Wald am Fuße des Berges und schlagen unser Zelt auf. Es ist schon früh am Abend aber die Sonne geht sehr spät unter, also nehmen wir noch den steilen Anstieg zur Laguna de los Tres auf uns. Nachdem wir schon den ganzen Tag mit einem Haufen Campingkram gewandert sind, fällt uns der Aufstieg nicht mehr ganz so leicht und mit etwas wackligen Beinen stehen wir nach einem letzten Aufstieg über ein Geröllfeld vor der zugefrorenen Lagune und blicken auf das zackige Bergmassiv direkt vor uns. Unglaublich!
Nur noch wenige Wanderer sind hier oben, denn die meisten haben sich bereits auf den Abstieg begeben. Wir verweilen noch eine ganze Zeit hier oben und schauen zu, wie die Sonne langsam auf die Spitze des Fitz Roy fällt. Nur der Hunger und die eintretende Kälte bewegen uns dazu, den Abstieg zu unserem Campingplatz in Angriff zu nehmen.
Eine Stunde später köchelt auf unserem kleinen Gaskocher Risotto mit Thunfisch, was nach dem anstrengendem Tag wie ein Fünf-Sterne-Menü schmeckt. Das Dosenbier hätten wir nicht unbedingt mitschleppen müssen, denn uns ist eher nach warmen Tee. Sobald die Sonne untergegangen ist, wird es trotz der Bäume um uns herum eisig kalt und wir verkrümeln uns schnell in unsere Schlafsäcke.
Am nächsten Tag sind wie die Ersten, die ihr Zelt zusammenpacken und den Heimweg antreten. Wir wollen rechtzeitig am Hostel sein und nochmal duschen, bevor es mit dem Bus weiter nach El Calafate geht. Wieder einmal liegt Wehmut in der Luft, als wir das kleine El Chaltén verlassen, denn diesen Charme eines Städtchens im Nirgendwo hat uns enorm gut gefallen. In unserer Lieblingsbäckerei gibt es zum Abschied noch eine Empanada und dann geht es auch schon auf die recht kurze Fahrt zum Lago Argentino.

El Calafate

Es gibt eigentlich nur zwei gute Gründe, um mach El Calafate zu fahren. Erstens: Man will weiter nach Chile in den Nationalpark Torres del Paine. Zweitens: Man möchte zum Perito Moreno Gletscher. Für uns war Letzteres der Grund. Im Gegensatz zu vielen anderen Gletschern nimmt der Perito Moreno Gletscher nicht ab, sondern schiebt sich stetig über den großen See Lago Argentino bis an die andere Seite des Festlandes und trennt zwei Seitenarme des Sees voneinander ab. Dabei wird auf der einen Seite des Sees das Wasser so weit aufgestaut, bis dieses die Gletscherzunge durchbricht und somit einen großen Teil des Eises zum Einsturz bringt. Daraufhin schiebt sich das Eis wieder in Richtung Festland. Dieses Spektakel wiederholt sich etwa alle zwei bis vier Jahre.
Bevor wir allerdings daran teilhaben können, checken wir erstmal in unsere Unterkunft ein, die den vielversprechenden Beinamen „Bed & Beer Hostel“ trägt. Es handelt sich hierbei um ein Hostel, welches nebenan noch ein Restaurant betreibt – oder umgekehrt. Jedenfalls werden wir freundlich von unserem Gastgeber Martin begrüßt, der mit seinem alten schwarzen Peugeot mit Flammen auf der Haube definitiv das coolste Auto in El Calafate fährt. Er fragt uns nach unseren Namen und wird diese auch bis zu unserer Abreise nicht mehr vergessen. Er merkt sich einfach jeden Gast, der hier fast täglich ein und aus geht. Wir bekommen von ihm nützliche Tipps zur Gegend, er organisiert uns einen Bus zum Gletscher und wir dürfen uns sogar morgens am Kaffee bedienen, obwohl wir gar kein Frühstück bezahlt hatten.
Unser Zimmer ist fast so groß wie die meisten Zwei-Bett-Zimmer, allerdings stehen vier Betten darin. Vier Personen inkl. Gepäck unterzubringen ist möglich, sofern dann jeder in seinem Bett sitzt – ansonsten nicht. Wir verbringen die erste Nacht zu dritt im Zimmer, danach zu viert mit einem Paar aus den USA. Zum Glück haben wir in der letzten Nacht den Raum für uns alleine.
Wie viele andere Hostels, haben wir auch hier eine Küche, in der wir uns unser eigenes Essen zubereiten können. Hierbei handelt es sich allerdings um die Restaurantküche. Während um uns herum also das Essen für die Gäste zubereitet wird, schnippeln wir unser eigenes Essen zurecht und machen uns Pasta mit Chorizo und Fenchel im Wok. Die beiden Mädels in der Küche haben komplett die Ruhe weg und helfen uns dabei, uns bei all den Utensilien zurechtzufinden. Die Hintertür der Küche ist offen und an der Schwelle sitzt ein Straßenhund, der im Garten hinter dem Hostel seine Heimat (und die Restaurantküche) gefunden hat. An den Namen können wir uns leider nicht mehr erinnern, aber er war Spanisch und hatte mit seinem nicht allzu hübschen Aussehen zu tun. Trotzdem ist er beliebt bei den Köchen und wird hin und wieder mit Essen und Streicheleinheiten versorgt. Es ist absolut skurril, dass wir als Reisende eine Restaurantküche im laufenden Betrieb mitbenutzen, während wir von einem sabbernden Hund mit traurigen Augen beobachtet werden. Christian Rach würde wahrscheinlich in Ohnmacht fallen. Uns ist es egal, denn hier sieht man alles nicht so eng. Nach über sechs Wochen in Südamerika kann uns nichts mehr so leicht schockieren. Es ist allenfalls witzig und macht Spaß, auch wenn wir nach dem Kochen so riechen, als hätten wir in der Friteuse gebadet.

Am Tag nach unserer Ankunft werden wir morgens von einem kleinen Bus abgeholt und zum Perito Moreno Gletscher gebracht. Es ist ein wenig so wie Machu Picchu: Du kannst dir tausend Bilder im Internet anschauen, aber wenn du es mit deinen eigenen Augen siehst, haut es dich einfach nur um. Wir laufen auf Stegen am Uferhang des Lago Argentino entlang und blicken auf die bis zu 70 Meter hohe Eiswand des Gletschers, die sich nur wenige Meter vor uns befindet. Die Sonne kann sich nur schwer durch die dichten Wolken am Himmel kämpfen, sodass das Eis einen blauen Schimmer erhält.
Es ist so kalt, dass wir alles anhaben, was unser begrenzter „Kleiderschrank“ hergibt. Trotzdem zittern wir, da wir uns kaum bewegen. Man möchte am liebsten einfach nur am Geländer der Terrassen lehnen und auf die endlosen Eismassen hinausblicken aber hin und wieder müssen wir auch ein Stück entlang des Gletschers spazieren, um uns warm zu halten. Außer uns sind nur sehr wenige Leute hier und es ist herrlich ruhig. Die Stille wird nur vom Knacken des Eises durchbrochen und gelegentlich brechen einige Teile des Eises mit lautem Donnern in den See. Wir verbringen vier Stunden am Gletscher und könnten auch noch viel länger hier bleiben, doch leider wartet am Parkplatz der Bus für die Rückfahrt. Es war ein kurzes Vergnügen, es war nicht günstig und wir sind extra dafür nach El Calafate gefahren – doch es hat sich gelohnt.

Als wir am nächsten Tag aufstehen, müssen wir eigentlich das Hostel verlassen, da wir keine weitere Nacht gebucht haben. Doch wir haben ein Problem: Wir wissen nicht wohin. Das Ende unserer Reise durch Südamerika kommt langsam in Sicht und jede weitere Etappe muss gut überlegt sein. Wir sind fast am unteren Ende von Patagonien angekommen, doch wir wollen noch tiefer in den Süden. Der Weg dorthin dauert lange und ist kompliziert und – was wir lange Zeit ignoriert haben – der Weg zurück ist es auch! Am 10. Dezember fliegt unser Flieger von Buenos Aires und die Zeit und das Geld werden knapp. Die wenigen Optionen verringern sich mit jedem Tag, da Flüge und Busse teurer und die Unterkünfte immer knapper werden. Wir möchten auf gar keinen Fall an diesem Punkt der Reise einen Fehler begehen, also bleiben wir für eine weitere Nacht in El Calafate, um uns Zeit für die weitere Planung zu geben. Überstürztes Handeln wäre jetzt der falsche Weg.
Während diese Zeilen entstehen, sitzen wir noch immer in El Calafate. Die Weinflasche neben uns ist leer und die Entscheidung damit gefallen. Lasst euch überraschen…

Die Bilder zu unserem Aufenthalt in El Chaltén und El Calafate findet ihr in der Galerie.

2 Replies to “Irgendwo im Nirgendwo”

  1. Hallo Ihr 2,
    das liest sich alles wirklich super! Als wäre man mit euch unterwegs und darf alles mit erleben.
    Bin schon gespannt wie es weiter geht. Ihr macht das schon! 🙂
    Bestellt einen Gruß von mir an El Calafate … ist nun auch schon wieder 10 Jahre her das ich dort sein durfte. Habe damals in Patagonien die vorzügliche „Dulce de Leche“ kennen gelernt und genieße sie noch heute … natürlich nicht Die von damals! 😉
    Dann viel Spaß noch auf eurer Reise, macht weiter so tolle Fotos, passt auf euch auf und kehrt sicher zurück!
    Viele Grüße Jörk

    1. Hallo Jörk,

      danke dir! Ja, Dulche de leche steht hier in Patagonien fast immer am Frühstückstisch und man kann einfach nicht widerstehen 😉 Leider sind wir schon weitergezogen und befinden und nun am „fin de mundo“ aber El Calafate hat uns auch sehr gut gefallen. Danke für deine Tipps im Vorfeld! Wir werden auch in Buenos Aires dran denken.
      Schöne Grüße zurück und an alle Kollegen!

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